Die Geschichte von Mama Dolores – und wie unsere Gedanken Freude und Leid erschaffen

Ich habe meine Großmutter nicht kennengelernt. Sie starb Jahre bevor ich noch geboren war. Auch meine älteren Schwestern kannten sie kaum. Sie sahen sie ein Mal als sie als Kinder in Orense in Spanien bei unserer Tante Otilia zu Besuch waren. Dort wohnten auch die Großeltern als sie altersbedingt ihren Bauernhof nicht mehr bewirtschaften konnten. Trotzdem haben wir oft von ihr gesprochen und noch viel öfter habe ich an sie gedacht.

Sie war aus dem Stoff aus dem Sagen gesponnen werden. Es hiess sie hatte „besondere“ Fähigkeiten. Wenn mein Vater von ihr sprach, war da jede Menge Stolz und Respekt. Sie, diese Frau mit Weitsicht. Die mit all Ihrer Kraft und Energie dafür lebte, dass ihre Kinder es besser haben sollten. Deren grosses Ziel es war, dass ihre Kinder etwas Ordentliches lernen sollten. In die Welt hinausgehen sollten. Sie hatte diesen unbändigen Willen, dass es besser werden musste und dass dieses Bessere nicht in ihrem Dorf in der tiefsten Provinz des spanischen Galiziens zu finden war.  Dafür nahm sie in Kauf, dass sie, die 3 Söhne und 5 Töchter geboren hatte, starb ohne alle ihre Söhne um sich zu haben.

img_2279Sie war in ihrem Heimatdorf Flor de Rey, einem kleinem Ort, der bis heute noch keine Asphaltstraße kennt, eine angesehene Frau. Sie und Papa Miguel hatten es weit gebracht mit ihrer Hände Arbeit. Sie waren die reichste Familie im Ort. Sie hatten das grösste Haus, ihnen gehörte das meiste Land. Viele Menschen bekamen deshalb bei ihnen Arbeit, denn es brauchte viele Hände um das Land zu bestellen.

Papa Miguel hatte ein großes Herz. Er war sehr beliebt. Die Bewohner des Dorfes wandten sich an ihn wenn sie Sorgen hatten. Oft borgte er ihnen Geld. Sehr zum Unmut meiner Großmutter, die sah wie durch die Großzügigkeit ihres Mannes ihre Pläne durchkreuzt werden konnten. Die Pläne für ihre Kinder, ihr Verlangen nach der Sicherheit, die ein ersparter Geldpolster mit sich bringen würde.

Sie schickte alle ihre Söhne ins katholische Internat, eine Art Priesterseminar – die einzige Möglichkeit für sie zu fortgeschrittenerer Schulbildung zu kommen. Mein Vater und meine Onkeln sprachen mit 12 Jahren noch immer nur Galizisch, sie hatten Spanisch nicht gelernt – es einfach auch gar nicht gebraucht in ihrem Alltag.  Im  Internat, mehrere hundert Kilomenter von ihrem Zuhause entfernt,  lernten sie nicht nur Spanisch, sie bekamen eine für damalige Zeiten in den 40er Jahren umfassende humanistische Ausbildung und lasen lateinische Schriften. Im Sommer kehrten sie nach Hause zurück und halfen bei der Ernte.

Die Töchter blieben im Ort, lernten Schneidern und halfen am Hof mit.

Mein Vater erzählte mir oft davon, wie er nach einem Fest im Dorf von seiner Mutter mit einer Pfanne in der Hand erwartet wurde, weil er sich mit einem Mädchen aus dem Dorf getroffen hatte. Sie verfolgte ihn und schrie ihn an „Willst Du hier hängenbleiben?“. Sie war furchtbar wütend auf ihn.

Hat sie diesen Moment später je bereut? Was hat sie gefühlt als mein Vater ihr meine Mutter vorstellte? Zu diesem Zeitpunkt waren meine Eltern längst schon miteinander verheiratet, hatten alleine ohne Beisein ihrer beider Eltern in der Schweiz geheiratet. Meine Mutter hatte nicht nur Respekt vor ihrer Schwiegermutter, sie hatte Angst vor dieser übergrossen mächtigen Figur. Meine Mutter war sehr schüchtern, wenn sie sich nicht wohl fühlte. Und in dem Dorf Flor de Rey mit seinen staubigen holprigen Wegen, den Fliegen, die überall – auch im Haus – umherflogen und sich überall hinsetzten, fühlte sie sich gar nicht wohl.

Meine Großmutter versteinerte. Da kam ihr Sohn mit der „Alemana“, der Deutschen.  Sie hatte sich so bemüht, das Haus herausgeputzt, seit Tagen wurde vorgekocht um ein Festmahl aufzutischen. Doch in den Augen ihrer Schwiegertochter sah sie nur Skepsis und Unwohlsein. Es machte sie wütend, dass ihr Sohn schon vor seiner Ankunft einen ganzen Bautrupp vorbeigeschickt hatte, um eine Toilette in IHREM Haus zu errichten. Er könne seiner Frau und seinen Kindern nicht zumuten sich im Freien zu erleichtern.

Niemals würde SIE diese Toilette verwenden.

Diese Geschichten waren es, die in meiner Vorstellung eine strenge, harte, verbissene Frau zeichneten, von Ehrgeiz getrieben.

Sie hiess Maria Dolores, aber man nannte sie „Mama Dolores„. Es ist einem Spanier nicht so vordergründig bewusst – weil „Dolores„, die Langversion von „Lola„, so ein typischer und geläufiger Name ist – , dass sich hinter dem Namen das Wort „Schmerzen“ verbirgt. Und Schmerzen erlitt sie – seelische Schmerzen, die sie sich mit ihren Gedanken zufügte.

Was ich lange nicht sah, war diese andere Seite. Wie sie alles gab, sich und ihr ganzes Sein für ihre Nächsten immerzu opferte. Wie sie ihre Söhne, die Menschen, die sie am meisten liebte, weit von sich wegschickte, damit es ihnen einmal besser ginge. Es machte sie unendlich traurig, sie vermisste ihre Söhne, vor allem ihren ältesten, meinen Onkel Domingo.

Domingo war charmant, eloquent, amüsant. Er hatte seiner Mutter den Kopf verdreht. Er konnte sie als Einziger zum Lachen bringen.  Doch er verdrehte auch anderen Frauen den Kopf.  Und so kam es, dass zwei Frauen von ihm gleichzeitig schwanger wurden. Eine von ihnen ihre Nichte, die Tochter ihres Bruders, der im Nachbarhaus wohnte.

Für Mama Dolores brach damit die Welt zusammen. Das Ansehen ihrer Familie war besudelt. Ihr Spross, der aus ihrem eigenen Leib Entbundene,  hatte Schande über alle gebracht. Finstere Wolken überzogen ihren Himmel und ihre Seele. Was hatte sie falsch gemacht? Wie konnte er ihr das antun? Wie konnte er die ganze Familie in dieses Unheil stürzen?

Es brach ihr das Herz.

Domingo bekam Angst und konnte sich ihrem unbändigen Zorn nicht stellen und sah keinen anderen Ausweg als zu fliehen, möglichst weit wegzulaufen wo ihn diese Geschichte nicht einholen würde. Er landete schließlich in Venezuela in Südamerika.
Er floh vor der Verantwortung.

Sie war Schöpferin, sie war Zerstörerin – so wie eine Göttin, so wie Shiva.

Doch sie spürte in ihrem Herzen jetzt nur noch die Asche ihrer Zerstörung. Sie war alleine. Sie hatte ihre Kinder in die Welt hinausgeschickt und erntete jetzt die Früchte der Einsamkeit. Sie war erschöpft. Sie hatte alles gegeben und was war geblieben?

Sie sah nicht die junge Frau im Nachbarhaus, die ihre Liebe und ihre Unterstützung so sehr gebraucht hätte. Die ihr so unendlich viel an Zuneigung zurückgegeben hätte. Durch die die Asche zu fruchtbarem Dünger geworden wäre.

Sie sah nicht den dankbaren Sohn, der seine international erfolgreiche Karriere gedanklich immer wieder ihr zu Füssen legte und sich mit der Modernisierung des Hauses, der Errichtung einer Innentoilette, bei ihr bedanken wollte und ihr ihr karges Leben erleichtern wollte.

Sie sah nicht ihre Töchter.

Sie sah nicht ihre Enkel.

Sie sah nicht diese Familie, die über alle Kontinente hinweg leben und wirken würde, auch in ihrem Andenken ihrer Stärke und Kraft.

Als sie starb fühlte sie sich schwach, ausgelaugt, ohnmächtig und verlassen.

Sie hatte in ihrem Leben alles gegeben und konnte die reiche Ernte, die vielen süssen Früchte, die ihr Geist und ihre Hände hervorgebracht hatten, nie sehen und nie geniessen.

Mama Dolores hat mir mit der Asche Ihres Vermächtnisses beigebracht: Es sind unsere Gedanken, die Freude oder Leid kreieren.

Beim letzten Vollmond bin ich auf einer anderen Ebene ihrer Seele begegnet. In dieser Nacht habe ich den Adler in ihr gesehen, ihre Zielstrebigkeit, ihre Kraft, ihren Focus. Ich habe gespürt, wieviele ihrer Qualitäten in meinem eigenen Blut fliessen. Gespürt wie sehr sie mich in jedem Schritt meines Lebens begleitet und unterstützt. Wie diese Schwere, die ich manchmal als Last empfinde, eine Qualität ist, die mich erden kann.

Ich habe mir den Mond zu Hilfe geholt und habe sie in seinem Licht gebadet und sie neu getauft mit dem Namen Mama Amores. Ich sehe noch immer ihr Lächeln.